Sonya Walger, Löwe

Töchter brauchen Väter
Herzzerreißend, was auf knappen 173 Seiten vor dem Leser ausgebreitet wird: ein Mann wird wiederholt (!) Vater, obwohl er für diese Rolle denkbar ungeeignet ist.

Dieses Porträt offenbart, was für ein Faszinosum der Vater für seine Tochter darstellt: sich permanent entziehend, unzuverlässig, aber trotzdem Objekt ihrer unverbrüchlichen Liebe.

Was eigentlich Aufgabe eines Vaters gegenüber seiner Tochter sein sollte, leistet sie in späteren Jahren für ihn. Anstatt sich enttäuscht von ihm abzuwenden, steht sie ihm zur Seite, als der Löwe alt, gebrochen, geschlagen, besiegt ist. Nach der lebenslangen Erfahrung, grundsätzlich allein zu sein, nur für kurze Augenblicke als Streiflicht in seinem Leben zugelassen zu werden, eine geradezu heroische Haltung.

Dieses Buch zu schreiben mag ein Akt der Befreiung und Bewältigung sein. Auf jeden Fall ist es eine beklemmende Charakterstudie einer schillernden, nicht greifbaren Persönlichkeit.

Aufbau und Gestaltung sind außerordentlich fesselnd: in kurzen Abschnitten werden immer neue Facetten dieses Mannes ins Licht gerückt, und die leitmotivisch verwendete Angabe des eigenen Alters gibt einen beklemmenden Takt vor: ein Mädchen wächst auf und wird mit stets neuen erschreckenden, befremdenden Momentaufnahmen ihres Vaters konfrontiert. Töchter brauchen Väter, doch diese musste ohne seine Unterstützung zu der Frau werden, als die uns die Autorin entgegentritt.